Samstag, 30. Oktober 2010

Zeitreise

Sie sehen merkwürdig rund aus. Sie stinken. Sie schaukeln. Sie sind ein Trip zurück in die „gute, alte Zeit“ – die Fähren der Hongkonger „Star Ferry“ Company. Seit über 100 Jahren queren Sie den Hafen der Stadt und sehen dabei noch genauso aus, wie man sie aus Filmen der 60er und 70er Jahre kennt. 

Typisches Bild: ein Schiff der "Star Ferry"-Company vor der Hongkonger Skyline
Nach fast allen Seiten offen, das Reederei-Logo in jeden Sitz hinein gebohrt und mit zwei Decks (oben kostet einen halben Hongkong-Dollar mehr) sind sie fast rund um die Uhr unterwegs. Schon beim Einsteigen am Tsim Sha Tsui-Terminal scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wären da nicht die modernen Drehkreuze und die ganzen Menschen, die permanent mit ihren Smartphones spielen, es wäre kaum zu glauben, dass wir im Jahr 2010 sind.

Nicht jeder hat ein Auge für das Hafenpanorama. Die Lehnen der Sitze lassen sich übrigens umklappen - damit man immer in Fahrtrichtung sitzen kann.
Der Weg auf die Fähre führt an den Bootsleuten vorbei, die im Matrosenhemd ihre Passagiere mustern. Lichtsignale zeigen an, ob gerade eine Fähre da ist oder ob man auf die nächste in ein paar Minuten warten muss. Es ist ein gellender Pfiff, kein Tuten wie man es bei einem Schiff erwarten würde, der die Abfahrt der Fähre ankündigt. Gemächlich schaukelnd setzt sich der behäbige Koloss in Bewegung und je schneller er wird, desto mehr schaukelt es.

Schlicht und altmodisch - der Zugang zur Pier
Auf dem Oberdeck fahren die Touristen. Sie staunen, gucken und Fotografieren. Es ist sauber, fast schon klinisch rein. Rauchen ist verboten, ein Klo oder einen Getränkeautomaten gibt es nicht. Auf dem Unterdeck sind meistens die Einheimischen unterwegs. Der Blick von hier ist nicht schlechter. Man kann dem Steuermann über die Schulter schauen. Es stinkt nach Diesel und Schiff, hier und da liegen ein paar Taue (Enden für alle Seefahrer) rum. Hier unten sitzen erstaunlich viele Geschäftsleute, die auf dem Weg zum Finanzentrum im Stadtteil „Central“ gegenüber sind und die, trotz guter Heuschreckenentlohnung, den halben Dollar fürs Oberdeck bei der Überfahrt sparen wollen.

Blick vom Anleger in Tsim Sha Tsui auf Kowloon
Ein Inder hat die „Star Ferry“-Company vor über 100 Jahren in Kowloon gegründet. Anfangs nur um sich und seine Freunde auf die andere Seite des Hafens zu bringen. Doch die Idee kam an und fortan war das sein neuer Job. Damals fuhren Inder umsonst, Chinesen und Europäer mussten bezahlen. Heute kostet die Überfahrt zwischen 2 und 3 Hongkong-Dollar  (ca. 20 bis 30 Cent). Alle Schiffe tragen übrigens das Wort „Star“ im Namen. Es gibt die „Morning Star“, die „Meridian Star“, die „Solar Star“, die „Shining Star“ usw. Obwohl es inzwischen auch andere Wege gibt den Hafen zu queren, bleibt die Star Ferry erfolgreich. 70.000 Menschen nutzen sie jeden Tag. Einer der Gründe – von kaum einem anderen Punkt Hongkongs gibt es einen so beeindruckenden Blick auf die Stadt.

So sieht man Hongkong nur von den Schiffen der "Star Ferry"
Wenn man auf der anderen Seite, am Central Pier, angekommen ist, muss man nur ein paar Schritte gehen um seine Zeitreise fortzusetzen – mit der Straßenbahn. Die Hongkonger Tram ist doppelstöckig, schlank und eng. Und auch hier betritt man mit seinem 2 Dollar-Ticket mehr eine andere Zeit als eine andere Welt. Der Fahrer steht in einer offenen Kabine, es gibt zwar Fenster, aber die sind meist geöffnet. Eingestiegen wird hinten, bezahlt wird beim Aussteigen. Für 2 Dollar kann man so gemütlich durch Hongkong rumpeln – von einer Endstation zur nächsten – und die Stadt aus einer vollkommen anderen Perspektive sehen.

Nur die Werbung ist modern - Hongkonger Straßenbahn

Klein, eng, liebenswert - ein Blick aufs Oberdeck einer Hongkonger Straßenbahn
Es gibt viele Möglichkeiten in Hongkong Geld loszuwerden, aber nur wenige Möglichkeiten für so wenig Geld so viel zu erleben. Denn diese Zeitreisen sind mehr als nur ein Schnäppchen. Sie sind eine bleibende Erinnerung und damit unbezahlbar.

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