Montag, 18. Oktober 2010

Nachtmarkt und Wangfujing

Wangfujing – der Name dieser alten Pekinger Straße steht vor allem für eins: Shopping. Hier reiht sich Kaufhaus an Boutique, von Armani bis Zara kann man hier die neueste Mode kaufen, dazu aktuelle Handys, die ihnen sehr ählichen (aber deutlich billigeren) Nachbauten aus chinesischer Produktion, es gibt Spielzeug, bei dem selbst verwöhnte Kinder aus dem Westen feuchte Augen kriegen (aktueller Hit: fernsteuerbare Hubschrauber in allen Größen) und die neuesten Sportklamotten. Zwischendrin Kamerashops und Kippenhöker, Apotheken, Süßwarenläden und Kofferhändler, die einen alle mit einem „Hello, Sir“ in ihre Läden ziehen wollen. Einzige Ausnahme sind die Handyläden – vor ihren Türen plärrt höllisch laute Musik, mit Vorliebe HipHop oder Hardrock. Nachts erstrahlt alles in grellen Neonfarben, die dem Times Square oder dem Picadilly Circus alle Ehre machen.
 Von der Wangfujing-Straße geht recht unscheinbar ein Nachtmarkt ab. Hier geht es auch um Tand und billiges Kunsthandwerk, aber vor allem ums Essen. Überall sind kleine Stände, die Snacks anbieten. Sie machen dem Sprichwort, dass der Chinese alles isst, was vier Beine hat und kein Stuhl ist, alle Ehre. An einer Ecke dreschen zwei junge Männer mit schweren Hämmern auf irgendetwas erdnussiges ein, in den Hämmerpausen wird die Erdnussmasse von einem dritten mit zwei Spateln wieder in Form gebracht. Graue oder braune Würfel schwimmen in Brühe oder Fett, wahrscheinlich Tofu. An vielen Ständen stapelt sich in großen Kesseln etwas, das wie geschnetzelter Kuhmagen aussieht (und es wahrscheinlich auch ist), man frittierte Eiscreme, frittierte Krabbenscheren oder auch ganze frittierte Krebse kriegen, es gibt DimSum, gefüllte Klöße in allen Geschmacksrichtungen und frisches Obst – und es gibt: Insekten. An jedem zweiten Stand stehen die Spieße, auf denen lebende, zeigefingergroße Skorpione zappeln. Auf Bestellung werden sie frisch in heißem Fett geröstet. Es gibt sie auch noch eine Nummer große – die allerdings sind dann schon tot. Auch frittiertes Krokodil, geröstete Frösche, Seepferdchen, Küken (ungeboren, gerupft und ausgenommen) oder Tausendfüßler gibt’s hier am Spieß, frisch gebacken und für kleines Geld. Ich bin ja sonst ein kulinarisch recht experimentierfreudiger Mensch – aber an die Skorpione hab ich mich dann doch nicht rangetraut. Ich sammle noch meinen Mut – und bleibe bis dahin den Garküchen um die Ecke treu, deren Essen man zwar auch nicht definieren kann, dass aber lecker und – soweit ich das beurteilen kann – auch insektenfrei ist. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen