Wer aus der verbotenen Stadt kommt, der sieht als erstes einen Hügel, den Kohlehügel. Er gehört zum Jingshan-Park, einem der schönsten – und dem wohl interessantesten der chinesischen Hauptstadt. Wer 20 Cent Eintritt bezahlt und sich an den zahlreichen japanischen Touristengruppen vorbeischlängelt, die den Park im Laufschritt „abarbeiten“, der sieht als erstes verschlungene Steinwege, die auf den Kohlehügel führen und hört dann – Musik. Überall im Jingshan-Park wird gespielt und gesungen. Hier hat sich ein kleines Amateurorchester mit Notenständer und Dirigent aufgebaut, ein paar Meter weiter haben ein paar Frauen eine komplette Karaokeanlage aufgebaut. Während eine der Frauen singt, tanzen die anderen, bunt kostümiert, um sie herum. In einem Pavillion ein paar Meter weiter stehen zwei Akkordeonspieler und ein paar Dutzend Chinesen und singen. Laut und schön. Die Musik hallt durch den ganzen Park. Es sind meist ältere Männer und Frauen, die hier stehen. Sie lachen und klatschen und geben alles. Etwas entfernt von der Gruppe steht ein älterer Mann – und gibt mit kräftiger Bassstimme alles.
Ein Hinweisschild für mich zu dem Platz, an dem sich Kaiser Chongzhen erhängt hat und eine Tafel erzählt die Geschichte dazu. Chongzhen war der letzte Kaiser der Ming-Dynastie. Sein Staat war ausgeblutet und pleite, seine Minister unfähig und sein Hof ein Intrigantenstadl. Im Land brachen Aufstände aus und die Rebellen erreichten schon bald Peking. Eines Morgens wachte Chongzhen im Kaiserpalast auf und wollte einen Lagebericht. Doch keiner seiner Minister erschien, das Personal und auch die Palastgarde waren geflohen und dem Kaiser wurde klar, dass er keine Chance hatte. Also schickte er seine Söhne aus der Stadt, brachte den Rest seiner Familie um oder sorgte dafür, dass sie Selbstmord begingen und floh dann aus dem Palast in den Park gegenüber. Dort, so erzählt es das Schild, biss er sich eine Fingerkuppe ab, schrieb mit dem Blut ein paar letzte Zeilen auf eins seiner Kleidungsstücke und erhängte sich dann. Die Rebellen eroberten Peking wurden dann aber von mandschurischen Soldaten verdrängt, die von da an die Kaiser stellten.
Dort wo Chongzhen Selbstmord beging, geht es auch hinauf zum Kohlehügel. Auf dem Weg dorthin komme ich an mehreren Pavillions vorbei und die Aussicht wird an jedem Pavillion besser. Es gibt – natürlich – auch jede Menge Souvenirstände, an denen unter anderem hässliche Mützen verkauft werden, die aussehen wie ein Panda-Kopf. Nicht wenige Touristen laufen mit diesen Teilen rum – und sehen damit mehr als lächerlich aus.
Vom obersten Pavillion aus hat man einen traumhaften Rundblick über Peking. Von hier kann ich erstmals die Dimensionen der Stadt wirklich ermessen. Zum ersten Mal sehe ich die komplette Innenstadt und die Hochhäuser an ihrem Rand. Auch die verbotene Stadt lässt sich von hier aus wunderbar überblicken. Die Musik aus dem Park schallt bis hier herauf und in dem Pavillion steht eine große Buddha-Statue vor der sich von Zeit zu Zeit Leute verbeugen und Räucherstäbchen anzünden. Dieser Platz ist vielleicht nicht der höchste Ort in Peking, aber auf jeden Fall ein Höhepunkt der Reise.
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