Sonntag, 31. Oktober 2010

Karneval im Irrgarten

Halloween in Hongkong ist eine große Sache, zumal dann, wenn man das Ganze am Samstag Abend feiern kann. Schon in der U-Bahn sehe ich viele, teilweise sehr aufwändig, kostümierte Menschen und sie alle haben das gleiche Ziel: Lan Kwai Fong oder kurz LKF. 

Viel Aufwand für ein paar Stunden Spaß - aufwändig geschminkte Chinesinnen auf dem Weg zur Halloween-Party in LKF
Abends trifft sich hier halb Hongkong zum Ausgehen, heute sind noch mehr Leute unterwegs. Doch vor dem Spaß steht die Polizei. Die ist hier ungefähr so entspannt und humorvoll wie ein Sargnagel. Und um den Spaß in „geordnete Bahnen“ zu lenken, haben die Cops den Weg nach LKF in einen Irrgarten verwandelt. Bürgersteige und Straßen sind durch Absperrgitter getrennt, mal eben schnell auf die andere Seite: is nich. Was am Tage 5 bis 10 Minuten Fußweg sind, wird zur Odyssee. An jeder Ampel stehen Polizisten mit teilnahmslosen Gesicht, die möglichst mit niemandem sprechen – außer wenn sie jemandem sagen, dass er hier nicht weiter kommt. Auf einer Straßenseite geht man rauf, dann über die Straße, dann wieder zurück nur um dann zu erfahren, dass das Gebiet erst mal „wegen Überfüllung“ geschlossen ist. Innerlich verfluche ich die Polizei und wünsche ihnen das, was ich auf der Gürtelschnalle einer als Pirat verkleideten Chinesin gelesen habe:

Oder anders gesagt: liebe Hongkonger Polizei, ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden.

Es dauert über eine Stunde bis ich endlich an meinem Ziel bin. Es ist voll, aber überschaubar, beim Kölner Karneval oder beim Oktoberfest sind mehr Menschen unterwegs – und die Polizei ist entspannter.





Soldaten, Matrosen, Monster, Pharaonen, Nutten, Leichen, Steinzeitmenschen oder Gladiatoren tummeln sich hier friedlich nebeneinander. Die Stimmung ist gut, die Kneipen voll. Ich finde ausgerechnet in einer deutschen Bar einen Platz. Der Laden heißt „Schnurrbart“, sieht aus wie eine deutsche Kleinstadtkneipe und es gibt Jever vom Fass. Entspannt lasse ich den Trubel an mir vorbei ziehen und trinke mit ein paar Australiern bis in den frühen Morgen. Und auf dem Weg zum Taxi kann ich die Strecke nehmen, die ich eigentlich wollte. Die Polizei hat Feierabend gemacht.

Eine Reise ohne Höhepunkt

Der „Peak“ ist einer der höchsten Punkte Hongkongs. Von hier hat man eine atemberaubende Sicht und schon deswegen ist der „Peak“ ein beliebtes Ausflugsziel. Der einfachste Weg nach oben ist die „Peak-Tram“, die einen für umgerechnet 4 Euro nach oben zuckelt. Doch als ich an der Talstation ankomme, bin ich doch etwas überrascht:

Ab hier noch 20 Minuten warten .... und das ist ungefähr die Mitte der Schlange an der "Peak Tram"
In Massen drängeln sich die Menschen an der Haltestelle, Wartezeit mindestens 40 Minuten. Plus Fahrzeit macht ne knappe Stunde – dann ist es dunkel und die Ahnung, dass ich oben noch mal genauso lange anstehe, machen die Entscheidung leicht: auf diesem Hongkong-Trip wird’s keinen Höhepunkt geben (zumindest nicht diesen)

Rolltreppe aufwärts

Der Central Escalator ist nicht irgendeine Rolltreppe, sondern gefühlt die längste der Welt. Über 800 Meter zieht sie sich durch den Stadtteil Lan Kwai Fong und verbindet die Einkaufsstraßen unten mit den (ehemaligen) Mietskasernen oben. Mal steil, mal nicht ganz so steil zuckelt die Rolltreppe nach oben. Immer wieder muss man „umsteigen“.

Hier beginnt der Weg nach Oben - der Anfang des "Central Escalators"
Es geht vorbei an Läden, Fußpflege und Massagesalons, Kneipen und Cafes. Ja sogar eine Moschee liegt auf der Strecke. Und immer wenn man denkt – jetzt ist doch aber mal Schluss, geht die Rolltreppe noch ein Stückchen weiter. Die Hongkonger benutzen sie, weil es einfacher ist, die Wocheneinkäufe vom Central Escalator nach oben fahren zu lassen, als sie selbst zu schleppen. Die Touristen benutzen sie, weil sie so was noch nie gesehen haben. Und weil man von hier auch mal einen guten Einblick in die Nebenstraßen und Hinterhöfe dieser unübersichtlichen Stadt hat. 




Seitenblicke von der Rolltreppe - so sieht es links und rechts vom "Central Escalator aus"
Es ist auch eine Reise durch die Welten. Unten, am Fuß der Treppe sind Shopping Center, Elektroläden und Restaurants. Dann geht es durch Chinatown, durch ein Kneipenviertel bis zu den Hochhäusern des „Midlevel“, deren Wohnungen heute teilweise als Designer-Appartements für viel Geld verkauft werden. 

Und so siehts aus, wenn man wieder runter geht
Eine schöne Tour – bei der ich zumindest gemerkt habe, dass Treppen runterlaufen auch manchmal ziemlich anstrengend sein kann.

Was ich an Hongkong mag...




Hier gibt es an jeder Ecke frischen Wassermelonensaft. Super lecker (macht sich abends auch gut im Mix mit Wodka... )

Samstag, 30. Oktober 2010

Shopping- und Pipi-Tempel

Das Einkaufszentrum "Pacific Place" lohnt schon wegen der Shops einen Besuch. Mehr Luxus geht nicht. Und wer mal da ist, sollte unbedingt auch mal aufs Klo gehen (auch wenn man gerade nicht muss). Denn besser designte Klos hab ich noch nirgendwo gesehen: 




Zeitreise

Sie sehen merkwürdig rund aus. Sie stinken. Sie schaukeln. Sie sind ein Trip zurück in die „gute, alte Zeit“ – die Fähren der Hongkonger „Star Ferry“ Company. Seit über 100 Jahren queren Sie den Hafen der Stadt und sehen dabei noch genauso aus, wie man sie aus Filmen der 60er und 70er Jahre kennt. 

Typisches Bild: ein Schiff der "Star Ferry"-Company vor der Hongkonger Skyline
Nach fast allen Seiten offen, das Reederei-Logo in jeden Sitz hinein gebohrt und mit zwei Decks (oben kostet einen halben Hongkong-Dollar mehr) sind sie fast rund um die Uhr unterwegs. Schon beim Einsteigen am Tsim Sha Tsui-Terminal scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wären da nicht die modernen Drehkreuze und die ganzen Menschen, die permanent mit ihren Smartphones spielen, es wäre kaum zu glauben, dass wir im Jahr 2010 sind.

Nicht jeder hat ein Auge für das Hafenpanorama. Die Lehnen der Sitze lassen sich übrigens umklappen - damit man immer in Fahrtrichtung sitzen kann.
Der Weg auf die Fähre führt an den Bootsleuten vorbei, die im Matrosenhemd ihre Passagiere mustern. Lichtsignale zeigen an, ob gerade eine Fähre da ist oder ob man auf die nächste in ein paar Minuten warten muss. Es ist ein gellender Pfiff, kein Tuten wie man es bei einem Schiff erwarten würde, der die Abfahrt der Fähre ankündigt. Gemächlich schaukelnd setzt sich der behäbige Koloss in Bewegung und je schneller er wird, desto mehr schaukelt es.

Schlicht und altmodisch - der Zugang zur Pier
Auf dem Oberdeck fahren die Touristen. Sie staunen, gucken und Fotografieren. Es ist sauber, fast schon klinisch rein. Rauchen ist verboten, ein Klo oder einen Getränkeautomaten gibt es nicht. Auf dem Unterdeck sind meistens die Einheimischen unterwegs. Der Blick von hier ist nicht schlechter. Man kann dem Steuermann über die Schulter schauen. Es stinkt nach Diesel und Schiff, hier und da liegen ein paar Taue (Enden für alle Seefahrer) rum. Hier unten sitzen erstaunlich viele Geschäftsleute, die auf dem Weg zum Finanzentrum im Stadtteil „Central“ gegenüber sind und die, trotz guter Heuschreckenentlohnung, den halben Dollar fürs Oberdeck bei der Überfahrt sparen wollen.

Blick vom Anleger in Tsim Sha Tsui auf Kowloon
Ein Inder hat die „Star Ferry“-Company vor über 100 Jahren in Kowloon gegründet. Anfangs nur um sich und seine Freunde auf die andere Seite des Hafens zu bringen. Doch die Idee kam an und fortan war das sein neuer Job. Damals fuhren Inder umsonst, Chinesen und Europäer mussten bezahlen. Heute kostet die Überfahrt zwischen 2 und 3 Hongkong-Dollar  (ca. 20 bis 30 Cent). Alle Schiffe tragen übrigens das Wort „Star“ im Namen. Es gibt die „Morning Star“, die „Meridian Star“, die „Solar Star“, die „Shining Star“ usw. Obwohl es inzwischen auch andere Wege gibt den Hafen zu queren, bleibt die Star Ferry erfolgreich. 70.000 Menschen nutzen sie jeden Tag. Einer der Gründe – von kaum einem anderen Punkt Hongkongs gibt es einen so beeindruckenden Blick auf die Stadt.

So sieht man Hongkong nur von den Schiffen der "Star Ferry"
Wenn man auf der anderen Seite, am Central Pier, angekommen ist, muss man nur ein paar Schritte gehen um seine Zeitreise fortzusetzen – mit der Straßenbahn. Die Hongkonger Tram ist doppelstöckig, schlank und eng. Und auch hier betritt man mit seinem 2 Dollar-Ticket mehr eine andere Zeit als eine andere Welt. Der Fahrer steht in einer offenen Kabine, es gibt zwar Fenster, aber die sind meist geöffnet. Eingestiegen wird hinten, bezahlt wird beim Aussteigen. Für 2 Dollar kann man so gemütlich durch Hongkong rumpeln – von einer Endstation zur nächsten – und die Stadt aus einer vollkommen anderen Perspektive sehen.

Nur die Werbung ist modern - Hongkonger Straßenbahn

Klein, eng, liebenswert - ein Blick aufs Oberdeck einer Hongkonger Straßenbahn
Es gibt viele Möglichkeiten in Hongkong Geld loszuwerden, aber nur wenige Möglichkeiten für so wenig Geld so viel zu erleben. Denn diese Zeitreisen sind mehr als nur ein Schnäppchen. Sie sind eine bleibende Erinnerung und damit unbezahlbar.

Freitag, 29. Oktober 2010

Hongkong von oben


One Peking, das ist quasi der Kosename der Adresse „1, Peking Road, Tsim Sha Tsui, Kowloon, Hongkong SAR“. Hier steht ein Bürohochhaus, in dem es u.a. auch mehrere Restaurants gibt – und die Bar „Aqua Spirit“.Es ist ein recht dunkler Laden, so dunkel, dass am Fahrstuhl und am Eingang zwei Hostessen stehen, die nur damit beschäftigt sind, vor möglichen Stolperfallen zu warnen („Mind The Steps“ ist der wohl meistgesprochene Satz ihres Lebens), aber die Dunkelheit macht Sinn. Denn ohne sie würde Abends das Lichtermeer Hongkongs nicht zur Geltung kommen. Das ist nämlich das eigentliche Highlight dieser stylischen Bar – der Blick von hier oben aus dem 30. Stock auf den Stadtteil Central auf der anderen Seite des Hafens:

Der erste Blick, wenn man das "Aqua Spirit" betritt - 
unten Restaurant, oben Bar, gegenüber grandioser Ausblick

Entsprechend groß ist der Andrang. Jeder will mal gucken kommen. Die Barkeeper schuften hinterm Tresen im Akkord, während davor meist gut betuchtes Publikum mit einem Drink in der Hand die spektakuläre Aussicht genießt. Die Leuchtreklamen auf der anderen Seite der Bucht (gut zu sehen „DB Schenker“ – dass einen Bahn selbst hier nicht in Ruhe lassen kann) sind zum Greifen nahe und man kann die Schiffe und Fähren beobachten die das Fahrwasser zwischen beiden Seiten kreuzen.

Trinken, Reden, Flirten mit der Skyline von Hongkong im Hinterhgrund
Die Karte liest sich interessant, es gibt einen „Porn Star Martini“ mit Vanillewodka und Passionsfruchtlikör, einen Sakedrink mit Apfelsaft und Blauschimmelkäse und jede Menge interessanter Kreationen. Doch so gut sie auf der Karte klingen, meist sind die Drinks leider nur mäßig. Aber wen interessieren schon Drinks, wenn er eins der schönsten und beeindruckensten Panoramen der Welt sehen kann. (Falls Ihr mal herkommt – eine Etage tiefer ist unter anderem eine kleine Sushi-Bar mit komplett verglaster Front in die andere Richtung – und auch der Blick auf Kowloon ist extrem beeindruckend.)

Kleiner Tipp – wer Lust auf noch mehr Ausblick hat, ein paar Meter weiter, im Sheraton (20, Nathan Rd.) gibt’s ebenfalls eine sehr schöne Panorama-Bar (mit ähnlich durchschnittlichen Drinks)

Donnerstag, 28. Oktober 2010

It´s Tea Time

Ein besonderer Tag verdient ein besonderes Programm. Meins heißt: "The Peninsula". Es ist das erste Haus am Platz, in dem die Kolonialzeit noch sehr lebendig ist. 

Noblesse Oblige - die Lobby im "Peninsula"
Dezent gedimmtes Licht, eine mit Ornamenten und aufwändigem Stuck verzierte Decke, dezente Musik in der Lobby, live gespielt von einem kleinen Orcherster. Selbst der Klogang wird zum Erlebnis, wenn ein dienstbarer Geist einem den Wasserhahn aufdreht, Seifenspender und Handtuch reicht und dann auch noch die Tür zuück ins Hotel aufhält. 

Hier wird die britische Tradition der ehemaligen Kronkolonie aufrecht erhalten und nachmittags zur Tea Time gebeten. Und es ist wirklich fast wie in London. Eine umwerfende Teeauswahl, von Chrysantheme über Oolong bis zum Earl Grey, Fingersandwidches mit Gurke und Scones mit Clotted Cream

Wie zu Kolonialzeiten - Tea Time im "Peninsula"
Der Tee wird in kleinen; schweren  Silberkännchen serviert, immer wieder schaut ein Kellner vorbei und gießt heißes Wasser nach. Ein kleines Verwöhnprogramm drinnen, während draußen langsam die Sonne untergeht. Der Tee ist köstlich, die kleinen Leckereien auch. Das Highlight: ein Macaron mit Rosengeschmack. Sowas hab ich noch nie gegessen. Der Geschmack explodiert förmlich in meinem Mund und verteit sich wohlig an meinem Gaumen. Allein dafür hat sich der Weg hierher gelohnt. Und am Ende stelle ich fest, dass es doch einen Unterschied zwischen der Tea Time hier und in London gibt: hier ist sie deutlich günstiger.

Wenn bei Hongkong, die gelbe Sonne im Meer versinkt....

Begegnung auf der Straße

Vorhin wurde ich auf der Straße von einem Inder angesprochen. Er murmelte mal nichts von "Watches, Sir?" sondern sagte mir "Sie sind ein glücklicher Mensch...". Etwas verwundert blieb ich stehen und er redete mit schönstem indischen Dialekt (ungefähr wie Peter Sellers in "Der Partyschreck") weiter: "Sie haben ein offenes, freundliches Gesicht, sie sind ein guter Mensch....ich bin aus Indien, ich kann ihr Karma lesen." Mit seinem freundlichsten Lächeln strahlte er mich an, während ich instinktiv nach meinem Pass und meiner Brieftasche tastete. Uff. Alles noch da. "Bis Weihnachten werden Sie drei gute Nachrichten erhalten, frohe Weihnachten..." Das sind News, die man an seinem Geburtsag doch gerne hört. Nun war mein neuer indischer Freund gar nicht mehr zu bremsen. "Sie haben nur eine schlechte Eigenschaft, Sie denken zu viel, aber sie werden sehr berühmt werden. Und bis Weihnachten erhalten Sie drei gute Nachrichten. Sie sind ein sehr glücklicher Mensch - bitte legen Sie doch etwas Papiergeld hier in meine Brieftasche....."

Auszeit

Die braucht jeder irgendwann mal, wenn er (oder sie) oft genug die Nathan Road rauf und runter gelaufen ist. Diese Straße ist nicht nur der Haupteinkaufsboulevard Hongkongs (zumindest für die Touristen), sondern außerdem eine wilde Mischung aus Kudamm und Schanze. Aber Ruhe ist nah – allerdings nicht leicht zu finden. Es ist nur eine Treppe, diezwischen den Shoppingmalls abzweigt. Aber dahinter liegt eine Oase der Ruhe – der Kowloon-Park.

Hier sitzen die Rentner und entspannen. Hier wandern die Touristen und staunen. Es ist fast schon still. Der Straßenlärm scheint kilometerweit weg zu sein. Statt Koberern und Boutiquen gibt’s hier blühende Bäume und seltene Vögel. An einem Teich lebt sogar eine komplette Flamingokolonie – mitten in Kowloon

Paradiesvögel im Großstadtdschungel - Flamingos im Kowloon-Park
Für diese Oase der Ruhe wird aber auch eine Menge getan – was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten: Rauchen zum Beispiel, oder Vögel füttern. 

Schreckensherrschaft der Verbote - auch im Park
Und diese Verbote werden nicht nur durch Parkwächter, sondern auch elektronisch genauestens überwacht, überall sind Kameras. Und die Klos, so sagt es ein Schild an der Tür, werden jeden Tag 7 mal desinfiziert. Und wer der Sauberkeit und der Ruhe überdrüssig ist, der ist mit ein paar Schritten wieder im geschäftigen Treiben der Nathan Road.

Die Stadt des (merkwürdigen) Geldes

Schon am Flughafen fiel mir auf – das Geld hier in Hongkong sieht merkwürdig aus. Auf vielen Scheinen prangt das Logo der Bank HSBC.

Und bei einigen Münzen hat man das Gefühl, eine Metall-Laus hat sie heimlich angenagt (oder macht das für die Hongkonger Bank gegen Bezahlung):



Mein Favorit ist aber der 10 Dollar-Schein – denn der ist teilweise durchsichtig:


Das ist einer der schönsten Geldscheine, die ich je gesehen habe. Fast zu schade zum Ausgeben.

Bespoke Tailor

Hongkong ist die Stadt der Schneider. Es gibt sie an jeder Ecke. Vor allem in der Gegend in der mein Hotel liegt, kommt man keine 10 Meter weit, ohne an einem Schild mit der Aufschrift „Tailor“ vorbeizulaufen. Ich brauche nen neuen Anzug. Der kostet hier in Hongkong genauso viel wie in Deutschland, nur ist er da von der Stange und hier eine Maßanfertigung (Bei meiner Figur eher von Vorteil). Also gönne ich mir den ersten Maßanzug meines Lebens.

Der Besuch beim Schneider ist eine interessante Erfahrung. Es ist nur ein kleiner Laden mitten in Tsim Sha Tui, dem Shoppingviertel in Kowloon. Die Verkäufer und Schneider sind fast alle Inder, an der Tür hängt das Bild von einem Guru. Die Kunden dagegen sind fast alle Amerikaner oder Europäer.

Kaum bin ich drin, werde ich auch schon zu einer Sitzecke geleitet, zwei junge Verkäufer zeigen mir dutzendweise Stoffmuster. Ein bisschen Smalltalk und dann wird verkauft. Hier noch ein etwas besserer Stoff, da vielleicht noch eine zweite Hose zum Anzug, darfs noch ein Hemd extra sein? Die Jungs geben echt alles. Und kaum ist die Sache für mich einigermaßen klar und ich hab die Preise von HKD auf Euro umgerechnet, kommen die beiden mit noch einem Extra um die Ecke. „Denken Sie noch mal drüber nach...“ „Das ist sinnvoll...“ „Überlegen Sie mal, es sind nur ein paar Euro mehr, aber der Nutzen ist so viel größer...“ – Sätze, die ich an diesem Nachmittag sehr häufig höre.

Danach werde ich vermessen und fotografiert, nachher ist schon die erste Anprobe. Am Schluß stehen zwei Anzüge mit passenden Hemden auf der Rechnung, am Montag soll alles fertig sein. Wenn die Jungs da genauso gut schneidern wie sie verkaufen, dann habe ich ein echtes Schnäppchen gemacht.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Eine schönere Seite von Hongkong

Die Shoppingmeile Nathan Road am Abend

Schock!

Dass Räume in Hongkong nach Quadratzentimetern bemessen werden, weil der Platz so knapp ist, hatte ich schon gehört. Dass Hotels deswegen ihre Zimmer klein und die Preise groß halten, auch darauf hatte ich mich schon eingestellt. Aber als mich der Taxifahrer vor einem kleinen, engen und unscheinbaren Eingang absetzte, kamen mir doch die ersten Zweifel. Hotel? Hier? Kein Schild, kein Empfang, noch nicht mal eine Klingel.

Ich schleppe meinen Koffer die steile Treppe rauf. Hier gibt’s zumindest schon mal einen Wachmann. Und dann steht eine kleine runde Frau in Jogginghose auf dem nächsten Treppenabsatz und bedeutet mir, ich soll mit dem Fahrstuhl hochkommen. Dort ist die „Rezeption“, die wie das Wohnzimmer einer durchschnittlichen Hartz4-Familie in Neukölln aussieht. Eine abgewetzte Sitzgruppe, ein kleiner Tisch, ein paar Regale, die auch vom Sperrmüll sein könnten, zwei Computer und ein paar Telefone. 10 Hongkong-Dollar (HKD) Pfand, einmal die Kreditkarte vorzeigen und dann lotst mich eine andere Frau, noch kleiner, aber nicht so rund wie die erste, wieder die Treppen runter, zwei Häuser weiter und dann mit dem Fahrstuhl in den 8. Stock. Hinter einer Tür aus Stahl und einer aus Holz verbirgt sich ein schmaler muffiger Flur und an dessen Ende ist mein Zuhause für die nächsten 8 Tage. Es ist winzig, mehr Loch als Zimmer:

8m² Hongkong - mein Zuhause für die nächste Woche
Klo und Dusche sind in einem Raum kombiniert, der Fernseher hat auch schon bessere Zeiten gesehen und der Zimmersafe steht einfach so in der Gegend rum – wer was klauen will, nimmt einfach das ganze Teil mit. Auch das restliche Mobiliar hat schon deutlich bessere Zeiten gesehen. Es ist eng, ich habe fast schon Angst auszuatmen. An der Decke sind Wasserflecken und im Raum steht die Luft. Erst die Klimaanlage ändert das.Und das beste: dieses Zimmer ist nicht nur kleiner, sondern auch noch deutlich teurer als meine letzte Bleibe, ein US-Kettenhotel, in Shanghai.

6. Etappe: Shanghai – Hongkong

Reingehen, einchecken, losfliegen – so einfach könnte es sein. Aber schon das Reingehen wird zum Problem. Denn zusammen mit anderen Reisenden lande ich hinter der Eingangstür zum Flughafen Hongqiao in einer Art Pferch. Davor ein Sicherheitsmann. Es geht nicht vor – aber auch nicht zurück. Warum? Keiner weiß es. Auf einmal geht das Absperrband doch noch auf und ich habe die erste Hürde auf dem Weg nach Hongkong genommen. Das Einchecken ist quälend langsam, vor mir versucht einer sein Fahrrad und einen Koffer mit den Ausmaßen eines Überseecontainers mitzunehmen – nur um dann doch zum Schalter für Sperrgepäck gehen zu müssen.

Bei der Grenzkontrolle wird mein Visum entwertet – jetzt bin ich offiziell aus China ausgereist, es gibt kein zurück. Hongkong ist noch knapp 3 Stunden entfernt. Der Flug ist öde, das Essen ist mies und das Eis, dass es zum Nachtisch gibt, ist so steif gefroren, dass es erst mal 20 Minuten auftauen muss, bevor ich auch nur daran denken kann, es zu essen.

Landung in Hongkong. Freies WLAN am Flughafen. Zum ersten Mal seit 3 Wochen sehe ich dieses Blog. Die Einreise ist in ein paar Minuten erledigt, ein freundlicher Mensch von der Tourist-Information setzt mich in den richtigen Bus. Und an Bergen und Hochhäusern vorbei geht es jetzt ins Hotel.

Während der Busfahrt wird es dunkel und wir passieren eine Brücke über die Bucht. Und vor der Kulisse der Hochhäuser drängeln sich dort Frachtschiffe dicht an dicht. Es sieht aus wie in einem Film. Wir kommen auch am Containerterminal vorbei, wo die großen Überseefrachter liegen. Irgendwie komisch – bei ihrem Anblick kriege ich Fernweh, dabei bin ich doch schon in der Ferne...

Good bye China, Hello Hong Kong

Als ich vor drei Wochen nach China flog, dachte ich vor allem an Handys, billiges Spielzeug, Menschen in komischen Parteianzügen, Hähnchen süß-sauer und ein Lied von Monty Python:

The world today seems absolutely crackers,
With nuclear bombs to blow us all sky high.
There's fools and idiots sitting on the trigger.
It's depressing and it's senseless, and that's why..

I like Chinese.
I like Chinese.
They only come up to your knees,
Yet they're always friendly, and they're ready to please.

I like Chinese.
I like Chinese.
There's nine hundred million of them in the world today.
You'd better learn to like them; that's what I say.

I like Chinese.
I like Chinese.
They come from a long way overseas,
But they're cute and they're cuddly, and they're ready to please.

I like Chinese food.
The waiters never are rude.
Think of the many things they've done to impress.
There's Maoism, Taoism, I Ching, and Chess.

So I like Chinese.
I like Chinese.
I like their tiny little trees,
Their Zen, their ping-pong, their yin, and yang-ese.

I like Chinese thought,
The wisdom that Confucious taught.
If Darwin is anything to shout about,
The Chinese will survive us all without any doubt.

So, I like Chinese.
I like Chinese.
They only come up to your knees,
Yet they're wise and they're witty, and they're ready to please.

All together.

[verse in Chinese]
Wo ai zhongguo ren. (I like Chinese.)
Wo ai zhongguo ren. (I like Chinese.)
Wo ai zhongguo ren.
(I like Chinese.)
Ni hao ma; ni hao ma; ni hao ma; zaijien!
(How are you; how are you; how are you; goodbye!)

I like Chinese.
I like Chinese.
Their food is guaranteed to please,
A fourteen, a seven, a nine, and lychees.

I like Chinese.
I like Chinese.
I like their tiny little trees,
Their Zen, their ping-pong, their yin, and yang-ese.

I like Chinese.
I like Chinese.
They only come up to your knees...

Drei Wochen später zeigt sich – das mit den Handys und dem billigen Spielzeug stimmt. Alles andere eher nicht. Hähnchen süß-sauer habe ich während meiner ganzen Zeit in China nur ein einziges Mal bekommen – bei McDonalds.

Auch was das Outfit angeht, war ich überrascht. Klar gibt es immer noch Leute, die ihre alte Parteiuniform auftragen. Die Mao-Mütze mit dem roten Stern sieht man dagegen nur noch bei Touristen. Im Gegenteil – viele Chinesinnen und Chinesen sind extrem stylish und könnten sogar in hippen Clubs in London oder Paris noch für eine Menge verrenkter Hälse sorgen.

In der Zeit hier im Land habe ich viel über China gelernt, allerdings recht wenig verstanden. Ohne Chinesisch zu können, wird einem das Land wohl immer etwas fremd bleiben. Aber faszinierend, interessant, lebendig, pulsierend und spannend ist es trotzdem, dafür braucht es keine Sprache. China ist toll. Voller Gegensätze und Überraschungen. Es macht Spaß die Kultur und den Lifestyle hier zu entdecken und zu erleben. Es ist großartig den Spagat zwischen der aufstrebenden Wirtschaft und der Lebenslust auf der einen, und der Ein-Parteien-Regierung, der Zensur und den vielerorts sichtbaren einfachen Lebensverhältnissen zu sehen.

Nach fast drei Wochen im Land steht für mich fest – ich komme wieder. Vielleicht nicht nach Shanghai. Aber auf jeden Fall nach Peking und auf jeden Fall will ich noch mehr von China sehen. Allein für diese Erfahrung hat sich die Reise schon gelohnt. Und jetzt auf nach Hong Kong.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Das andere Shanghai

Auf den ersten Blick scheint Shanghai nur aus Hochhäusern und Shopping-Malls zu bestehen. Aber es gibt noch ein anderes Shanghai, gut versteckt hinter all den Hochhäusern und Nebenstraßen

Eine versteckte Seitenstraße - der Weg ins andere Shanghai
Es ist eine unscheinbare Seitenstraße, die ein paar Meter hinter dem U-Bahnhof Laoximen abgeht. Sie führt nicht nur in ein anderes Shanghai, sie führt direkt in eine andere Zeit.  Es ist etwas düster, beengt. Die Häuser sind genauso windschief, wie sie alt sind. Die Stromleitungen ziehen sich quer über die Straße, vor den Häusern steht jede Menge Kram, die Wäsche hängt zum trocknen vor der Tür. So muss es in Shanghai vor hundert Jahren ausgesehen haben, als noch Franzosen, Briten und Amerikaner die Stadt beherrschten, als es noch Opiumhöhlen gab und Autos mit einer Handkurbel gestartet wurden. Nur die Fernsehantennen und die Stromkabel, die sich über der Straße von Haus zu Haus spannen, zeigen dass im Kalender nicht mehr 1910 steht.

Zeitreise mit kleinen Spuren der Moderne - außer Autos, Antennen und Klimaanlagen erinnert wenig daran, dass man sich auch hier im Jahr 2010 befindet
 Sonst hat sich wenig geändert. Fließend Wasser gibt es nur an einem Steinwaschbecken vor dem Haus, Klos und Duschen sind selten. Stattdessen ist hier der gute alte Nachttopf noch in Gebrauch und wer Duschen will, geht ein paar Gassen weiter ins öffentliche Waschhaus - in Schlafanzug und Badeschlappen. 

Wie vor 100 Jahren - die Spüle befindet sich vor der Tür

Unterwegs mit Fahrrad und Karren - viele Gassen hier sind zu schmal für Autos
Hier wohnt das andere Ende der Gesellschaft in verwinkelten, teils engen Gassen, in denen es teilweise etwas streng riecht. Es ist gerade Essenszeit.  Viele Türen stehen offen, als ich durch das Viertel gehe. Der Blick in die Häuser offenbart auch hier Ärmlichkeit. Zwei bis drei Generationen leben hier unter einem Dach. Ein, zwei kleine Räume, mehr kann ich durch Türen und Fenster nicht erkennen. Die Zimmer sind spärlich möbliert, überall sind Sachen verstaut. Vieles wird auch vor den Häusern aufbewahrt. Mancher hat hier auch einen kleinen Stall und hält Tauben, Hühner und  Kaninchen, oder besser: das Frühstücksei und den Sonntagsbraten. Sehr bescheidener Wohlstand.

Dieses Gewirr aus engen, kleinen und teils auch sehr dunklen Gassen ist ein eigener Mikrokosmos. An jeder zweiten Ecke gibt es immer wieder kleine Kioske, an denen man kleine Snacks, Zigaretten oder Getränke kaufen kann. Dazwischen immer wieder auch kleine Läden: Krämer, Handwerker, Friseure. Wenn es nicht gerade irgendwas gibt, das man vor der Tür präsentieren kann, das Obst beim Lebensmittelhändler etwa, weisen keine Schilder auf den Laden hin. Warum auch? Die Nachbarschaft ist klein und überschaubar, man kennt sich hier.

Der Abendabwasch neben dem Brunnen - Straßenszene aus der Altstadt Shanghais
Viele Menschen machen ihre Besorgungen im Viertel im Schlafanzug. Warum auch nicht. Die 
Wege sind kurz und auf Outfit legt hier ohnehin niemand viel wert. Fremde fallen hier auf - was auch daran liegt, dass es so wenige von ihnen gibt. Denn Touristen verirren sich kaum hierher, sie tummeln sich nur ein paar Meter weiter. Denn direkt hinter dem Viertel stehen die nächsten Hochhäuser und Shopping Malls.

Links das alte, rechts das neue Shanghai. Nur eine schmale Straße trennt Hütten von Hochhäusern
In der Nachbarschaft gibt es noch weitere Siedlungen dieser Art. Einen Teil der Altstadt hat man für Touristen aufgehübscht, was so viel heißt wie: man hat ein paar Andenkenläden und ein paar Fastfood-Restautants in die alten Häuser gesetzt und zwischendrin entsteht gerade das nächste Nobel-Einkaufszentrum. 

Alt-Shanghai in der Touristenversion: Leuchtreklamen und Läden
Doch direkt dahinter beginnt der Bauch von Shanghai, ein verzweigter Markt, der sich durch diverse Nebenstraßen zieht. Es gibt lebende Hühner, Scheren, Klamotten, jede Form  von Haushaltswaren und Essen. Stolz haben die Besitzer der Garküchen hier ihr Angebot vor ihrem Stand oder Laden drapiert. Ich sehe halbe Schweinsköpfe, die legendären Hühnerfüße, ganze geräucherte Enten, Obst und Gemüse in allen Farben.

Auf dem Markt gibt es lebendes Geflügel...

... und gleich daneben Hühner und Enten gebraten und geräuchert

Es ist laut, es ist bunt, es wird gerülpst, geschlürft, geschlemmt. Mit einem freundlichen Lächeln winken die Händler mich in ihre Läden. Hier gibt es gebratenen Tofu, Palmensaft, Süßigkeiten aus Sesam, die frisch am Stand gemacht werden. In den Kisten stapeln sich Krebse, Krabben und Seeschnecken. In einer Markthalle ein paar Meter weiter gibt es frischen Tintenfisch und exotische Früchte. 





 



Doch neben dem bunten Treiben gibt es immer wieder auch eine dunkle Seite. Ich komme an einem Transporter vorbei, aus dem eine Frau Obst  verkauft. Ein wenig versteckt und auf den ersten Blick kaum zu sehen ist eine alte Frau. Sie liegt mehr als dass sie sitzt. Wirklich gesund sieht sie auch nicht aus. Gegen die Kälte an diesem Abend ist sie Decken und Plastikfolie eingehüllt. Ein erbärmliches Bild. Doch in China gibt es so gut wie keine Altersheime. Wenn die Eltern alt werden, ziehen sie zu den Kindern - und wenn die arbeiten müssen und niemanden haben, der auf Mutter aufpasst, dann muss Mutter eben mit zur Arbeit.

Rechts die Tochter bei der Arbeit, links, in Plastik verpackt, ihre Mutter
Endlich, am letzten Tag meines Shanghai-Aufenthaltes habe ich das China, das Shanghai gefunden, dass ich gesucht und bisher in dieser Stadt vermisst habe. Es ist nicht immer schön, aber ich bin froh, dass ich es gesehen habe.