Auf den ersten Blick scheint Shanghai nur aus Hochhäusern und Shopping-Malls zu bestehen. Aber es gibt noch ein anderes Shanghai, gut versteckt hinter all den Hochhäusern und Nebenstraßen.
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| Eine versteckte Seitenstraße - der Weg ins andere Shanghai |
Es ist eine unscheinbare Seitenstraße, die ein paar Meter hinter dem U-Bahnhof Laoximen abgeht. Sie führt nicht nur in ein anderes Shanghai, sie führt direkt in eine andere Zeit. Es ist etwas düster, beengt. Die Häuser sind genauso windschief, wie sie alt sind. Die Stromleitungen ziehen sich quer über die Straße, vor den Häusern steht jede Menge Kram, die Wäsche hängt zum trocknen vor der Tür. So muss es in Shanghai vor hundert Jahren ausgesehen haben, als noch Franzosen, Briten und Amerikaner die Stadt beherrschten, als es noch Opiumhöhlen gab und Autos mit einer Handkurbel gestartet wurden. Nur die Fernsehantennen und die Stromkabel, die sich über der Straße von Haus zu Haus spannen, zeigen dass im Kalender nicht mehr 1910 steht.
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| Zeitreise mit kleinen Spuren der Moderne - außer Autos, Antennen und Klimaanlagen erinnert wenig daran, dass man sich auch hier im Jahr 2010 befindet |
Sonst hat sich wenig geändert. Fließend Wasser gibt es nur an einem Steinwaschbecken vor dem Haus, Klos und Duschen sind selten. Stattdessen ist hier der gute alte Nachttopf noch in Gebrauch und wer Duschen will, geht ein paar Gassen weiter ins öffentliche Waschhaus - in Schlafanzug und Badeschlappen.
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| Wie vor 100 Jahren - die Spüle befindet sich vor der Tür |
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| Unterwegs mit Fahrrad und Karren - viele Gassen hier sind zu schmal für Autos |
Hier wohnt das andere Ende der Gesellschaft in verwinkelten, teils engen Gassen, in denen es teilweise etwas streng riecht. Es ist gerade Essenszeit. Viele Türen stehen offen, als ich durch das Viertel gehe. Der Blick in die Häuser offenbart auch hier Ärmlichkeit. Zwei bis drei Generationen leben hier unter einem Dach. Ein, zwei kleine Räume, mehr kann ich durch Türen und Fenster nicht erkennen. Die Zimmer sind spärlich möbliert, überall sind Sachen verstaut. Vieles wird auch vor den Häusern aufbewahrt. Mancher hat hier auch einen kleinen Stall und hält Tauben, Hühner und Kaninchen, oder besser: das Frühstücksei und den Sonntagsbraten. Sehr bescheidener Wohlstand.

Dieses Gewirr aus engen, kleinen und teils auch sehr dunklen Gassen ist ein eigener Mikrokosmos. An jeder zweiten Ecke gibt es immer wieder kleine Kioske, an denen man kleine Snacks, Zigaretten oder Getränke kaufen kann. Dazwischen immer wieder auch kleine Läden: Krämer, Handwerker, Friseure. Wenn es nicht gerade irgendwas gibt, das man vor der Tür präsentieren kann, das Obst beim Lebensmittelhändler etwa, weisen keine Schilder auf den Laden hin. Warum auch? Die Nachbarschaft ist klein und überschaubar, man kennt sich hier.
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| Der Abendabwasch neben dem Brunnen - Straßenszene aus der Altstadt Shanghais |
Viele Menschen machen ihre Besorgungen im Viertel im Schlafanzug. Warum auch nicht. Die
Wege sind kurz und auf Outfit legt hier ohnehin niemand viel wert. Fremde fallen hier auf - was auch daran liegt, dass es so wenige von ihnen gibt. Denn Touristen verirren sich kaum hierher, sie tummeln sich nur ein paar Meter weiter. Denn direkt hinter dem Viertel stehen die nächsten Hochhäuser und Shopping Malls.
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| Links das alte, rechts das neue Shanghai. Nur eine schmale Straße trennt Hütten von Hochhäusern |
In der Nachbarschaft gibt es noch weitere Siedlungen dieser Art. Einen Teil der Altstadt hat man für Touristen aufgehübscht, was so viel heißt wie: man hat ein paar Andenkenläden und ein paar Fastfood-Restautants in die alten Häuser gesetzt und zwischendrin entsteht gerade das nächste Nobel-Einkaufszentrum.
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| Alt-Shanghai in der Touristenversion: Leuchtreklamen und Läden |
Doch direkt dahinter beginnt der Bauch von Shanghai, ein verzweigter Markt, der sich durch diverse Nebenstraßen zieht. Es gibt lebende Hühner, Scheren, Klamotten, jede Form von Haushaltswaren und Essen. Stolz haben die Besitzer der Garküchen hier ihr Angebot vor ihrem Stand oder Laden drapiert. Ich sehe halbe Schweinsköpfe, die legendären Hühnerfüße, ganze geräucherte Enten, Obst und Gemüse in allen Farben.
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| Auf dem Markt gibt es lebendes Geflügel... |
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| ... und gleich daneben Hühner und Enten gebraten und geräuchert |
Es ist laut, es ist bunt, es wird gerülpst, geschlürft, geschlemmt. Mit einem freundlichen Lächeln winken die Händler mich in ihre Läden. Hier gibt es gebratenen Tofu, Palmensaft, Süßigkeiten aus Sesam, die frisch am Stand gemacht werden. In den Kisten stapeln sich Krebse, Krabben und Seeschnecken. In einer Markthalle ein paar Meter weiter gibt es frischen Tintenfisch und exotische Früchte.








Doch neben dem bunten Treiben gibt es immer wieder auch eine dunkle Seite. Ich komme an einem Transporter vorbei, aus dem eine Frau Obst verkauft. Ein wenig versteckt und auf den ersten Blick kaum zu sehen ist eine alte Frau. Sie liegt mehr als dass sie sitzt. Wirklich gesund sieht sie auch nicht aus. Gegen die Kälte an diesem Abend ist sie Decken und Plastikfolie eingehüllt. Ein erbärmliches Bild. Doch in China gibt es so gut wie keine Altersheime. Wenn die Eltern alt werden, ziehen sie zu den Kindern - und wenn die arbeiten müssen und niemanden haben, der auf Mutter aufpasst, dann muss Mutter eben mit zur Arbeit.
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| Rechts die Tochter bei der Arbeit, links, in Plastik verpackt, ihre Mutter |
Endlich, am letzten Tag meines Shanghai-Aufenthaltes habe ich das China, das Shanghai gefunden, dass ich gesucht und bisher in dieser Stadt vermisst habe. Es ist nicht immer schön, aber ich bin froh, dass ich es gesehen habe.