Der erste komplette Tag in Shanghai ist mein Expo-Tag. Das Gelände ist riesig und schon der Weg hinein ist mühsam. Die Sicherheitskontrolle ist penibler als am Flughafen. Feuerzeuge, Getränke oder Taschenmesser sind auch auf der Expo nicht erlaubt. Ich muss sogar meinen Sprachführer aus der Hosentasche holen und meine Kamera vorführen, bevor ich aufs Gelände darf. Kaum bin ich drin, verbreiten Lautsprecher Schreckensnachrichten: die Wartezeiten vor den meisten liegen bei bis zu sechs Stunden. Auf Anzeigetafeln werden die Zeiten sogar ständig aktualisiert, gefolgt von leichter Besucherschelte: „You are adviced, to make better visiting plans“ heißt es da, gefolgt von einem tröstlichen „We wish you a pleasant tour“. Ein frommer Wunsch.
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| "Und was hast Du so auf der Expo gemacht?" "Warten" |
Jeden Tag drängeln sich bis zu 1 Million Menschen auf der Expo, das entspricht der Einwohnerzahl von Köln, allerdings ist das Areal deutlich kleiner. Die täglichen Besucherzahlen werden übrigens auch stolz in Echtzeit im U-Bahnfernsehen verkündet. Wichtigstes Accessoire für die meisten Gäste ist übrigens ein bisschen Plastik in knallbunten Farben, das Händler vor dem Eingang für ein paar Yuan an den Mann oder die Frau bringen – es sind kleine zusammenklappbare Sitzbänke, die beim Warten ein wenig Erleichterung verschaffen sollen.
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| Wichtigstes Expo-Accessoire: die klappbare Wartebank |
Das Expo-Gelände ist zweigeteilt und befindet sich an beiden Ufern des Huangpo-Flusses. Ich bin gerade auf der (langweiligen) Seite, im Stadtteil Puxi, wo die Industrie ihre Pavillons hat. Hier zeigen sich die chinesischen Staatsbahnen, die japanische Industrie, der Systemhersteller Cisco und die Ölindustrie von ihrer Schokoladenseite. Höhepunkt dieses Ausstellungsteils ist aber eindeutig der „Coca Cola“-Pavillon, oder besser: die „Coca Cola Happiness Factory“. Fünf Stunden warten die Besucher hier auf ihre Portion Glückseligkeit und einen Schluck Zuckerbrause. Und damit auch alles in geordneten Bahnen abläuft, wachen Soldaten der Volksbefreiungsarmee darüber, dass sich keiner vordrängelt.
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| Erst Bekämpfer, jetzt Bewacher: chinesischer Soldat vor dem Coca-Cola-Expo-Pavillion |
Ein bizarres Bild – in einem Land, dass vor nicht all zu langer Zeit den Kapitalismus noch mit Händen und Füßen bekämpft hat, wacht die Armee jetzt über Wohl und Wehe eines DER Symbole des einst so verhassten Systems. Wie war das doch gleich mit Bock und Gärtner?
Auf der anderen Seite der Schau fällt als erstes der chinesische Pavillon ins Auge. Ein Riesenteil, der Stolz der Shanghaier, das Wahrzeichen der Expo. Auch hier steht man sechs Stunden um einen Blick ins Innere zu werfen. Auch andere Pavillons sind spektakulär. Das „Expo Cultural Center“ sieht aus, als wäre ein UFO in Shanghai gelandet, die Nepalesen haben einen kompletten Tempel aufs Gelände gestellt und Taiwan zeigt sich von seiner technisch-glänzenden Seite. Und überall – ewig lange Schlagen.
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| Nur mit viel Geduld von innen zu sehen: die Expo-Pavillions von Nepal (oben), Taiwan (Mitte) und China (unten). Die durchschnittliche Wartezeit liegt zwischen 5 und 6 Stunden |
Oder besser – fast überall. Am Pavillion von Bosnien-Herzegownia ist der Andrang überschaubar, es dauert keine 10 Minuten bis ich hineinkomme. Drinnen gibt es vor allem Eis und Schmuck zu kaufen und ein paar Bilder aus diesen (wunderschönen) Land. Auch wenn die Präsentation eher unspektakulär ist, die Chinesen stehen mit großen Augen davor und fotografieren, was die Kamera her gibt. Die Schweizer haben einen Sessellift in ihren Pavillon integriert und die Ungarn lassen Wasser von den Seitenwänden tropfen. Der deutsche Pavillon sieht futurustisch, aber durch seine steingraue Farbe auch sehr edel aus.
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| Der deutsche Expo-Pavillion: grau, groß, dezent... |
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| ....und die Schlange vor dem Pavillion. Teilweise müssen die Leute über 6 Stunden anstehen um reinzukommen. Ausnahme: Deutsche, mit Personalausweis kommt man hier sofort rein. |
Hier ist der Andrang mit am Größten. Die Leute stehen bis auf die Straße und selbst die Massenandrang gewohnte Armee, stößt hier an ihre Grenzen. Ein fluchender Soldat steigt auf ein Gerüst um die Masse der Besucher mit Geschrei im wahrsten Sinne des Wortes „auf Linie“ zu bringen. Ich frage mich, was hier gezeigt wird, dass es sich lohnt sechs Stunden dafür anzustehen.
Die Antwort kriege ich schnell. Deutsche dürfen den VIP-Eingang benutzen. Es ist das erste Mal, dass mein Perso auch meine Eintrittskarte ist, die mir (hier zumindest) alle Türen öffnet. Die Schau drinnen verbindet das alte und neue Deutschland (oder besser gesagt – alte und neue Klischees). Nachhaltiges Bauen, Umweltschutz, Soziale Fürsorge sind die Themen im ersten Raum. Danach geht es um Freizeitgestaltung mit Grillen im Park (mit Migrationshintergrund) und Gartenzwergen (ein sehr beliebtes Fotomotiv bei den Chinesen).
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| "Wie heißt das??" "Gal-ten-zwelg" |
Das leistungsfähige Industrieland Deutschland darf natürlich auch nicht fehlen und staunend sehen sich die Besucher Fußballschuhe, Duschköpfe, Tabletts und Fahrräder an, befühlen mit ihren Händen verschiedene Arten von Werkstoffen und lassen sich auch hier vor allem und jedem knipsen.
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| "Made in Germany": Turnschuhe, Rollstühle, Duschköpfe - und genau die richtige Kulisse um für "Chinas Next Topmodel" zu üben. Heidi Klum wäre stolz. |
Im nächsten Raum wartet Udo Jürgens – zumindest akustisch. „Ich war noch niemals in New York“ hallt es durch den Raum, danach folgen „Freude schöner Götterfunken“ und „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Es geht um Kultur, aber nicht nur Musik, sondern auch Literatur. Übergroße Bücher deutscher Autoren, von Brecht (natürlich „Der gute Mensch von Szechuan“) über Grass und Grimm bis Goethe sind alle Klassiker dabei. Und nebenan wartet eine preußische Uniform darauf, fotografiert zu werden. Um das Klischee komplett zu machen, stehen vor dem Pavillon noch ein Porsche und ein Mercedes.
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| Darf natürlich bei einer Expo in China nicht fehlen: Brechts "Der gute Mensch von Szechuan" |
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| Lesen macht Sexy - posen mit den Brüdern Grimm |
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| Einmal ein "Pleusse" sein... |
Es gibt natürlich auch ein Restaurant und die Chinesen stehen auch hier stundenlang für Sauerbraten, Kassler, Bratwurst und Bier an – zu deutschen Preisen. Nebenan gibt es eine kleine Bierbar. Helles ist aus, Weißbier kostet umgerechnet 5 Euro (und damit mehr als in nem Speisewagen der deutschen Bahn) – aber die Frau hinterm Tresen kommt mit dem Zapfen kaum hinterher. Die Schlange wird scheinbar nie kürzer. Auf Chinesisch, Englisch und Deutsch wird Nachschub geordert und viele Besucher wollen den Bierkrug auch gleich kaufen (ich möchte nicht wissen, wie viele Krüge am Ende der Expo geklaut worden sind). Die Zapferin erzählt mir, dass viele Besucher eine Woche mit dem Bus aus der Provinz nach Shanghai unterwegs sind, nur um einen Tag auf der Expo zu verbringen. (Und danach wahrscheinlich hoch verschuldet sind, bei den Preisen hier, die übrigens auch an den anderen Pavillons extrem hoch sind). Das deutsche Gasthaus macht auf jeden Fall Eindruck. Im Gegensatz zu anderen Pavillons sieht das Essen auch richtig gut aus, so gut, dass viele erst mal ihre Bratwurst fotografieren, bevor sie sie essen.
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| Say "Cheese", Bratwurst - erst knipsen, dann essen |
Es sind die letzten Expo-Tage. Bei manchen Leuten hier, liegen die Nerven schon blank und auch die Vorräte gehen zu Ende. Mein Versuch im argentinischen Pavillon ein Glas Malbec zu trinken, scheitert kläglich – weil es keinen mehr gibt. Egal wie die Bilanz der Macher am Ende ausfällt – dass die Expo für Säufer, Brauer und Winzer ein Erfolg war, das scheint jetzt schon festzustehen.
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