Montag, 18. Oktober 2010

Kein Speck, kein Sprit

Die Leute im Land sind dünn, teils sogar dürr. Sie laufen viel, denn es fahren kaum Autos. Busse und Straßenbahnen in Pjöngjang sind altersschwach, werden meist nur noch von der Farbe zusammengehalten und sind meist chronisch überfüllt. Dazu fahren sie meist ohne Licht, Rücklichter und Blinker sind bei vielen Bussen nur aufgemalt. Wer nicht Bus oder Bahn fährt, der läuft oder fährt Rad. Auch lange Strecken. Auf den Autobahnen ist weit und breit kein Auto zu sehen, aber an den Rändern gibt es massenhaft Radler und Fußgänger, selbst in Gegenden, wo kilometerweit keine Häuser zu sehen sind. 
  
Überall kehren Menschen Straßen oder Feldwege, die Ernte wird von den Leuten noch per Hand mit der Sichel eingebracht. Bei den meisten Klos funktioniert die Spülung nicht, vielerorts riecht es nach Pisse. Auf der anderen Seite präsentieren mir meine Begleiter stolz die „Internationale Freundschaftsausstellung“ – eine Sammlung aller Geschenke, die die Kims jemals erhalten haben. Gelagert werden sie in zwei monströsen Gebäuden, die teilweise tief in einem Berg liegen. Da werden dann ausgestopfte Alligatoren und hässliche Ziertafeln gezeigt, Autos und Eisenbahnwagons, die Stalin Kim Senior mal verehrt hat, Sitzgruppen auf denen noch der Original-Schutzbezug liegt, Waffen, Stereoanlagen und anderes Zeug.                                                                                                                                          
  
Das „wahre“ Nordkorea blitzt immer nur mal kurz am Rande durch. Etwa wenn mein Reiseleiter zugibt, dass es zu wenig Benzin gibt oder beim Umtrunk in der Hotelbar auf einmal der Strom ausfällt. 
  
Doch das Regime hat auch Sinn für Effekte. Auf dem Dach der „Freundschaftsausstellung“ ist eine Terrasse mit Sesseln. Sehr gemütlich und absolut ruhig. Nur die Vögel zwitschern und ein Bach rauscht. Es gibt Ginseng-Tee und einen absolut atemberaubenden Blick auf ein idyllisches, friedliches Bergpanorama. Oder die Arirang-Spiele. Jedes Jahr führen rund 100.000 Mitwirkende ein Massengymnastik-Spektakel auf. Erzählt wird ursprünglich eine alte Sage, die ein bisschen dem Lied von den beiden Königskindern gleicht. Die Propagandaabteilung der beiden Kims hat daraus ein monumentales Epos über den „Befreiungskampf“ des nordkoreanischen Volkes gemacht, angefangen bei der japanischen Besetzung 1905 bis zur Gegenwart. Landwirtschaft, Industrie, Intelligenz und natürlich der olle Kim („der Stern des Landes“) werden hier über alle Maßen gelobt – in bombastischen, teils bonbonbunten Bildern, mit Akrobatik, Musik und Massen von Menschen, die im Stadionrund tanzen, singen und andere Kunststücke vollführen. Ja – es ist Propaganda, aber es ist beeindruckend, weil man so was (zumal in dieser Perfektion) noch nie gesehen hat. 

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