Samstag, 20. November 2010

Gestatten, Legende.

Sir Stamford Raffles ist bis heute der Universalheilige Singapurs. Straßen, Plätze, Bauten sind nach ihm benannt – und ein Hotel, das Raffles. Es ist nur drei Stockwerke hoch. Ein Kolonialbau, der allerdings fast einen ganzen Block umfasst und so übersichtlich ist, wie ein Irrgarten.

Nicht hoch, aber groß - das "Raffles" von außen
Wer hier durchgeht, den packt doch ein bisschen die Ehrfurcht, denn der alte imperiale und koloniale Charme ist hier immer noch spürbar. Sogar auf den Klos. Ich warte darauf, dass jeden Moment ein britischer Lord oder Offizier oder beides um die Ecke kommt und mich skeptisch ob meiner nur halbwegs passenden Kleidung mustert, bevor er – ohne ein Wort zu sagen – missbilligend die Augenbraue hochzieht und weiterschreitet.

Der Innenhof des "Raffles"
Noch etwas lebendiger wird diese Zeit im hoteleigenen Museum, das etwas versteckt im dritten Stock liegt. Hier hängt das Bild, dass die Entstehung eines „Singapore Sling“ (der hier der Legende nach erfunden wurde, aber dazu gleich mehr) beschreibt. Hier hat das Hotel alte Briefe und Devotionalien von ehemaligen Gästen gesammelt.

Fast so wie früher ... der Eingang zum "Raffles"-Museum
 Wie die erlauchte Klientel behandelt und geachtet wurde, zeigt sich an einem Eierbecher, der hier zu sehen ist. Der wurde, so steht es auf der Tafel daneben, von einem britischen Gast bei seiner Junggesellenparty im Raffles „ausgeborgt“, gelangte so nach England und wurde, rund 70 Jahre später, vom Sohn des „Borgenden“ an das Hotel zurückgegeben.

"Nur mal kurz geborgt...." - ein Eierbecher und seine Geschichte
 Der Besuch lohnt, weil man viel über die Geschichte des Hotels und seine Gäste erfährt, aber auch weil es sehr liebevoll gemacht ist (nur die Bedienung im angeschlossenen Shop passt nicht dazu, die ist extrem muffelig)

Danach gehe ich in die „Long Bar“. Auch hier macht sich koloniales Flair breit, nur die Touristen in ihren grellroten oder blauen T-Shirts, ihren Shorts und Schlappen wollen in dieses Bild nicht so recht reinpassen. An der Decke hängen Fächer in Reih und Glied, die von einer Stange bewegt werden und so den Ventilator ersetzen. Sie schieben die schwere, feuchte Luft träge hin und her. Es ist etwas schummerig, woran auch das meist braune Mobiliar wahrscheinlich nicht ganz unschuldig sein dürfte.

Die "Long-Bar" von innen - mit Fächern an der Decke
... und (nicht im Bild) jeder Menge Erdnussschalen auf dem Boden
Das Schöne an dieser Bar ist – hier darf man ungestraft rumsauen. Auf den Tischen und auf dem Tresen stehen Erdnüsse rum und die Schalen kann man einfach auf den Boden feuern. Anderswo in Singapur undenkbar, weil (s.u.) mit Strafe bedroht. Hier – oder besser nicht genau hier, aber irgendwo im Haus, denn die Bar ist erst seit einer großen Renovierung vor 20 Jahren an ihrem jetzigen Platz. Also hier irgendwo wurde der „Singapur Sling“ erfunden. Bis heute der wohl meistgeorderte Drink hier und der Stolz des Hauses. Aber ich glaube, das ist eher ein „Damendrink“, denn dank des Cherry-Brandys darin, ist der „Sling“ so pappesüß wie ne Packung Gummibärchen. 

Das "Wahrzeichen" des "Raffles" - der "Singapore Sling"
Es gibt übrigens auch eine sehr nette Bar im Innenhof und eine im Hauptgebäude, die trägt den schönen Namen „Writers Bar“. Da hätte ich gerne noch einen Drink genommen (passt ja irgendwie mit der Berufsbezeichnung), doch hier werden „Residents Only“ bedient. Dann eben nich. Also setze ich meinen imaginären Tropenhelm auf und stürze mich aus der kolonialen Ruhe des Raffles wieder ins bunte Treiben von Singapur.

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